Interview: Romance Scamming

Sie nutzen die Verliebtheit der Partnersuchenden eiskalt aus: sogenannte Romance-Scammer (Romantik-Betrüger). Sie legen gefälschte Profile an und erschleichen sich das Vertrauen oder sogar die Liebe von ahnungslosen Opfern. Das Ziel: Ihr Geld! Wie und warum das funktioniert und wie man sich dagegen schützen kann, erklärt unser Experte Christian Rüd, Head of Customer Care bei LoveScout24.

Wie viele Profile werden bei Ihnen täglich erstellt und wie viele davon sind potenziell unseriös?

Täglich gibt es bis zu 10.000 neue Registrierungen. Im Schnitt sind weit über 90 Prozent davon reale Partnersuchende. Aber selbst dieser geringe Anteil schwarzer Schafe ist uns zu viel. Deshalb sind wir bereits bei der Registrierung der Türsteher und hindern unseriöse Profile mit einer Reihe von Sicherheitsfiltern daran, überhaupt in unserem System aktiv werden zu können.

Wie erkennt der Kundenservice ein Profil, das nur für betrügerische Zwecke angelegt wurde?

Weil wir uns täglich mit solchen Themen beschäftigen, verfügen wir mittlerweile über Expertenwissen, das in die Optimierung unserer Filter- und Screening-Methoden einfließt. Auf diese Weise erkennen wir unseriöse Profile meistens schon, bevor sie über unsere Plattform eine virtuelle Beziehung zu unseren Kunden aufbauen können. Die Profile, die es tatsächlich durch unsere Kontrollmechanismen geschafft haben, spüren wir spätestens dann auf, wenn sie beginnen, in unserem System aktiv zu werden. Wir erkennen das an einer ganzen Reihe typischer Verhaltensweisen, die sich deutlich vom Verhalten eines echten Mitglieds unterscheiden. Am Anfang ist das vor allem die massenhafte Kontaktaufnahme zu anderen, die sich von einem echten Profil sehr unterscheidet. Wer wirklich auf der Suche nach einer Partnerschaft ist, tut das fokussierter und nutzt natürlich individuelle Ansprachen. Scammer gehen hingegen wahlloser vor und nutzen häufig Textbausteine. Aber auch die Gestaltung des Profils selbst lässt uns erkennen: echt oder unecht. Wir möchten uns hier allerdings nicht zu tief in die Karten blicken lassen. Sonst würden wir unsere hart erarbeiteten Trümpfe zu leichtfertig aus der Hand geben und Gaunern das Spiel erleichtern.

Wie hoch ist die Trefferquote bei der Suche nach Fake-Profilen?

Die meisten schwarzen Schafe erwischen wir tatsächlich durch unsere eigenen Filter und unser Monitoring. Profile, die wir erst auf eine Kundenmeldung hin entdecken, sind relativ selten geworden und machen nur noch etwa drei Prozent der gesamten Sperrungen aus. Seit dem Start unserer intensiven Präventionsmaßnahmen mit einer eigenen, 30 Mitarbeiter starken Abteilung verzeichnen wir eine stetige Abnahme von unseriösen Profilen. Am deutlichsten sehen wir das am Feedback unserer Kunden: Die Menge an Fake-Meldungen von unseren Nutzern konnten wir um fast 90 Prozent senken.

Stecken hinter der Masche Einzelpersonen oder ist es eine Form der organisierten Kriminalität?

Hinter den meisten Fällen steckt bandenmäßig organisierte Kriminalität aus Osteuropa, Russland oder Asien. Häufig agieren die Täter aus Afrika, speziell aus Ghana oder Nigeria. Nicht von ungefähr ist die Bezeichnung „Nigeria-Connection“ eine Art Gattungsbegriff. Die juristischen Möglichkeiten, erfolgreich gegen diese Banden vorzugehen, sind sehr begrenzt.

Ihnen bleibt also nur die Löschung der Fake-Profile?

Da sich die Verursacher außerhalb der EU befinden, gibt es keine reale Chance, gegen die Hintermänner vorzugehen. Unser Augenmerk ist ohnehin viel mehr auf die Prävention gerichtet: 90 Prozent der falschen Profile werden durch unsere Filter automatisch erkannt. Weitere werden manuell geprüft oder von unseren Kunden gemeldet und dann von uns aus dem System entsorgt.

Täuschen die Täter aus dem Ausland deutsche Profile vor oder wissen die Opfer von vornherein, dass sie es mit Ausländern zu tun haben?

Es gibt beide Varianten. Am verbreitetsten ist aber die Vorgehensweise, sich als Geschäftsmann aus den USA oder Großbritannien auszugeben und auf Englisch oder in gebrochenem Deutsch zu schreiben. Auf diese Weise bearbeitet ein Fake-Profil häufig mehrere potenzielle Opfer parallel.

Sind Männer oder Frauen anfälliger für Romance-Scamming?

Vor ein paar Jahren kam es in Online-Portalen häufiger vor, dass männliche Mitglieder in teure SMS-Chats gelockt wurden. Meistens waren die Lockvögel sehr attraktive Frauenprofile, die vorgegeben haben, nicht mehr am Rechner zu sitzen, sich aber gerne per SMS weiter unterhalten zu wollen. Dabei haben sie meistens ein Treffen noch am selben Abend in Aussicht gestellt. Heute haben Romance-Scammer für Männer, aber auch für Frauen unterschiedliche Tricks auf Lager. Gegenüber Männern treten sie meist als junge Damen aus Russland oder Osteuropa auf, die einen vielversprechenden Besuch in Aussicht stellen, weil sie vorgeben, in dem Mann ihre große Liebe gefunden zu haben. Gegenüber Frauen kommt häufig der amerikanische Geschäftsmann zum Einsatz.

Wie gehen die Scammer dabei konkret vor?

Sie lassen sich viel Zeit im Aufbau einer virtuellen Beziehung und kommunizieren intensiv über Mail und Chat. Dabei schreiben sie sehr romantisch und überschwänglich. Mit jeder neuen Mail wird es emotionaler. Häufig werden auch sehr schnell Bilder von angeblichen Kindern und Enkeln verschickt. Offen über vermeintlich persönliche Dinge zu sprechen steigert das Vertrauen. Sobald Mann oder Frau ihnen vertraut und glaubt, das Gegenüber schon gut zu kennen, fangen die Scammer geschickt an, nach Geld zu fragen.

Was wird meistens als Vorwand genannt, um Geld zu ergaunern?

Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Häufig passieren tragische Familiengeschichten, Unfälle oder Verbrechen. Oft geht es auch um die dringende Verlängerung eines Visums oder um die Auslösung einer Erbschaft. Und immer wird beteuert, dass das erhaltene Geld selbstverständlich zurückgezahlt wird – im Fall der Erbschaft häufig sogar mit dem Versprechen auf einen deutlich höheren Betrag. Gerade bei Frauen setzen die Betrüger offensiv auf die Mitleidstour und schaffen es so, einen hohen psychischen Druck aufzubauen.

Ist die Mehrzahl der Opfer einer bestimmten Bildungs- oder Altersgruppe zuzuordnen?

Von außen betrachtet erscheinen die Tricks so durchsichtig, dass es schwer zu glauben ist, dass überhaupt jemand darauf herein fällt. Opfer gibt es aber in allen Bildungs- und Bevölkerungsschichten. Beim Alter gibt es tatsächlich Unterschiede. Hier sind vor allem Nutzer ab Mitte 40 stärker betroffen, weil die Suche nach einem Partner in diesem Alter intensiver abläuft und gleichzeitig der Wunsch, wieder Romantik und Geborgenheit zu erfahren, stärker ist. Hinzu kommt, dass die älteren Nutzer oftmals etwas weniger Erfahrung mit dem Internet allgemein haben. Und das machen sich die Scammer zu Nutze.

Welche Tipps geben Sie Ihren Kunden, um nicht in die Falle zu tappen? Frisch verliebte Menschen sind ja für rationale Argumente nicht immer zugänglich.

Das ist wahr. Komplette Sicherheit ist daher eine Illusion. Das gilt für das Kennenlernen beim Ausgehen genauso wie für die Partnersuche im Internet. Trotz all unserer Filter können wir nicht immer verhindern, dass einzelne schwarze Schafe in das System gelangen – vor allem, wenn sie sich sehr echt verhalten. Wir haben deshalb Tipps, die auch bei vermeintlich echtem Verhalten Hinweise auf Betrüger liefern: Bei Profilen, die vorgeben, aus den USA zu stammen und in Englisch oder gebrochenem Deutsch schreiben, raten wir unseren Mitgliedern grundsätzlich zur Vorsicht. Verdächtig ist auch, wenn sehr schnell, überschwänglich und poetisch von ganz großen Gefühlen oder der Liebe des Lebens gesprochen wird. Das sicherste Indiz ist Geld: Wenn es um Geld geht, sollte der Kontakt sofort abgebrochen werden. So schwer es oft sein mag: Wir raten allen Mitgliedern, nie zu vertrauensselig zu sein und den gesunden Menschenverstand auch bei aller Verliebtheit nicht auszuschalten – einfacher gesagt, als getan. Aber eine gewisse Grundskepsis ist immer angebracht, egal, wo man neue Menschen kennenlernt.